Mittwoch, 26. September 2012

Michael Meller - der Agent



Hallo Herr Meller, man hat Sie einmal als einen – wenn nicht sogar den – einflussreichsten Agenten im deutschen Literaturbetrieb bezeichnet, ganz bestimmt aber zählen Sie zu den erfolgreichsten und erfahrensten Literaturagenten am Markt. 

Sie vertreten auf dem deutschen Markt solch berühmte Autoren wie Jonathan Franzen, Martha Grimes,  Frank McCourt, oder David Baldacci und kümmern sich auch um die Vermarktung des literarischen Nachlasses in Deutschland von Roald Dahl.

Vergessen Sie bitte nicht Autoren wie Rebecca Gablé, D.B. Blettenberg, Bernhard Hennen, Eva Völler, Timur Vermes, Annette Hohberg, Anne Chaplet und viele andere gute (und erfolgreiche) deutsche Autoren. Außerdem besteht die Agentur schon seit einigen Jahren nicht mehr nur aus mir allein. Wir sind 4 Agenten/innen!

Ich bin mir klar, dass jeder Zauberer nur so gut sein kann wie seine besten Tricks, und werde mich daher hüten Sie hier nach irgendeinem Erfolgsrezept zu fragen.  Würden Sie dennoch den Lesern zumindest verraten, welche Voraussetzungen es braucht um überhaupt im Geschäft des Literaturagenten bestehen zu können? Sind es tatsächlich nur die guten Beziehungen zu Autoren, Lektoren, Verlegern, die eine erfolgreiche Agentenkarriere ausmachen, oder steckt da doch noch mehr dahinter?

Agenten sind keine Zauberer. Sie können nur so gut sein wie das Manuskript mit dem sie arbeiten. Was sie besser können als die meisten Autoren ist die Einschätzung und Kenntnis des Marktes, um dann den für einen Autor bestmöglichen Vertrag zu verhandeln.
Das muss nicht immer ein grosser Vorschuss sein. Hier gibt es sehr viele Mythen.
Selbstverständlich gehören gute Kontakte dazu. In Amerika gibt es einen Spruch, der mir immer gefallen hat: Der Agent ist nicht gegen den Verlag, aber für den Autor!


Man hört ja immer mal wieder, dass die Verlage zugunsten weniger berühmter Bestsellerautoren, deren Vorschüsse „thru the roof“ gehen, die breite Masse der Verlagsautoren vernachlässigen. Ist da tatsächlich etwas daran, Herr Meller?

Natürlich wird meistens ein hoch bevorschusstes Manuskript anfänglich mehr befördert, aber ob es sich deswegen gut verkauft, bleibt dahingestellt. Dazu kommt, dass die Mitarbeit des Autors beim Verkauf immer wichtiger wird. Ansonsten siehe oben unter Mythen….
Und ein hoher Vorschuss für einen erwiesenen Bestsellerautor ist eigentlich etwas ganz normales – oder?


Der Buchmarkt in Deutschland ist im Umbruch. Das E-Book ist endgültig in Deutschland angekommen und so mancher ruft deswegen mal wieder den „Untergang des Abendlandes“ aus.
Ich weiß, dass Sie persönlich dem E-Book wohl sehr offen gegenüberstehen. Aus welchen Gründen?
Man könnte ja immerhin argumentieren, dass mit dem Erfolg des Selfpublishing bei Amazon.de und anderswo, die klassische Rolle des Agenten als Vermittler zwischen Verlag und Autoren ins Wanken geraten sei. Sind Sie vielleicht einer der letzten Großen innerhalb eines zum aussterben verurteilten Berufszweiges?

Eins nach dem anderen. Die Verlage fahren ihre Programme zurück und Händler ihre Verkaufsflächen. Damit geraten die Autoren in einen doppelten Engpass.
Das E-Book ist das lang ersehnte Ventil!
Doch ob E-Book oder traditionelle Print-Ausgabe – der Agent nimmt weiterhin dem Autor Arbeiten und Aufgaben ab, die diesen sonst von seiner Hauptarbeit, dem Schreiben, abhalten. Haben Sie schon mal die Abrechnungen der E-Book Plattformen auseinandergefieselt, wie man in Bayern sagen würde!?
Die großen E-Book Erfolge, von denen wir aus Amerika (und seit SHADES OF GREY  ja nicht mehr nur von dort) hören, stammen von Autoren, die in 99% der Fälle einen Agenten haben. Und die wissen auch  warum.
Sicher, unsere Aufgaben verändern sich ebenfalls.


Stichwort Urheberrechtsdebatte – kürzlich irgendeine der vielen Petitionen unterzeichnet, Herr Meller? Falls dem so war - welche und weshalb? Oder ist das in Ihren Augen nur wieder einer jener Stürme im Wasserglas, für die das Internet ja so prädestiniert ist?

Ich unterzeichne grundsätzlich keine Petitionen, vor allem nicht solche  unausgegorenen.
Wo waren denn alle diese Autoren über all die Jahre!!?? Haben die nie gemerkt, dass unser bestehendes Copyright noch mit beiden Füßen im 19. Jahrhundert verankert ist? Ohne die Piraten würde da immer noch nichts geschehen. Endlich kommt, dank der Piraten, Bewegung in die Sache. Und keinen Tag zu spät.


Michael Meller (Süddeutsche Zeitung / © Stephan Rumpf)


Es existiert in der gesamten Buchbranche eine Debatte darüber, ob es  generell schädlich für den Markt sei, wenn bei den großen Plattformen wie Amazon.de die Charts immer mehr von Titeln zu 99 Cent bzw. 2,99 Euro dominiert werden. Wie stehen Sie dazu? Ist es bald an der Zeit da irgendwie eine Reißleine zu ziehen?

Diese imaginäre Leine ist  schon damals gerissen als die Verlage Unternehmen wie der Süddeutschen Zeitung und all deren Nachahmern Lizenzen für Top-Titel zu Bedingungen verkauften, deren Preise noch untern denen von Taschenbüchern lagen. Da beim E-Book keine physische Produktion notwendig ist, sind das - proportional gesehen - ganz „normale“ Preise. Trotzdem hier bestimmt auch der Markt den Preis UND der Autor. Das wird immer wieder vergessen. Gerade beim E-Book hat der Autor uneingeschränkte Autorität!


Unter vielen Autoren herrscht die Ansicht, dass es gefährlich sein könnte seine Werke selbst als E-Books zu publizieren, da dies womöglich von den Verlagen als anrüchig betrachtet würde und daher einen Verlagsvertrag von vornherein ausschließt. Ist da Ihrer Meinung nach etwas dran?

Schlichter Unsinn. Das eine schließt ja das andere nicht aus. Abgesehen vom gleichen Werk; da kann ein Verlag durchaus zickig werden, wenn der Autor das Manuskript alleine parallel als E-Book veröffentlichen möchte. Andererseits kämmen die Verlage dieser Tage die E-Book Bestsellerlisten nach printfähigem Material durch.

Nicht nur Wolfgang Tischer vom literaturcafe.de sieht mittelfristig die Zukunft des stationären Buchhandels in einem düsteren Licht. Sie ebenfalls? Haben wir inzwischen bereits wirklich Grund dazu, dem guten alten Buchladen um die Ecke eine Träne nachzuweinen?

Es gehört zu den Widersinnigkeiten der Preisbindung, dass damit ursprünglich den Ladenketten das Kapital geliefert wurde, den stationären Buchhandel platt zu machen (in den USA kalkulierten die Ketten viel schärfer, da sie hohe Rabatte anbieten mussten); doch die Ketten waren auch nicht besonders clever und haben das Geld in unsinnigen Expansionen verpulvert. Im Endeffekt sind aber nun beide - hier wie dort - am E-Book gescheitert. Amazon hat dafür gesorgt. Und nun freut sich Amazon hier über den Reibach, den sie dank des gebundenen Ladenpreises in Deutschland machen dürfen! Damit keine Missverständnisse entstehen, wir sprechen von den Print-Ausgaben.

Vielleicht eine etwas indiskrete Frage, aber haben Sie sich in Ihrer langen Karriere im Bezug auf den Erfolg eines Buches schon einmal total verspekuliert?

Ja, als ich noch in den New York lebte, habe ich dem Bertelsmann Verlag dringend vom Kauf der Autobiographie von Lee Iaccocca (Automanager und Chef von Chrysler) abgeraten. Ich telexte (!) nach München: „stinklangweilig, voller Details über Autos.“
Es wollte dann auch fast 6 Monate lang kein anderer Verlag das Buch, bis Econ der Agentin einen Gefallen tat und es für $ 1000,-- einkaufte. 700 000 Ex. später waren wir alle schlauer.
In Europa wurde es nur in Italien und Deutschland ein Erfolg. 2 Auto-Nationen! Hätte man natürlich dran denken sollen….
Es gibt sicherlich Bücher, die ich  abgelehnt hätte, doch sie wurden mir nie angeboten. Schwein gehabt….

Und ganz zum Schluss: Welche Frage wollten Sie schon immer einmal von einem Journalisten gestellt bekommen; und weshalb gerade diese?

Ich warte noch – mir fällt sie nicht ein….

Ja - lest mehr Bücher, als Blogs Leute. Lest vor allem gute Bücher. Zur Not ja sogar meine





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